Der größte Fehler ist das Nichtstun
Eine Krebsdiagnose ist kein Grund, sich weniger zu bewegen. DDr. David Kiesl, Onkologe und Sportmediziner, erklärt, warum und wie Bewegung die Therapie unterstützen kann.
Sport & Bewegung
Krebsbegleiter Redaktion, 17. August 2026
Inhaltsverzeichnis
Eine Krebsdiagnose ist kein Grund, sich weniger zu bewegen. DDr. David Kiesl, Onkologe und Sportmediziner, erklärt, warum und wie Bewegung die Therapie unterstützen kann.
„Bewegung ist ein breit wirksames Medikament“, sagt DDr. David Kiesl. Bewegung greift nämlich an vielen Stellen gleichzeitig ein und kann deshalb nicht in eine einzelne Kategorie gepresst werden. Sie verbessert das Herz-Kreislauf-System, stärkt die Muskeln, fördert die Koordination, greift ins Immunsystem ein, reguliert die Hormone und wirkt sich auf die psychische Verfassung aus. Wer fitter ist, lebt länger. Dies gilt unabhängig des Alters und davon, ob jemand an einer Herzerkrankung oder an Krebs leidet.
Bewegung heißt nicht gleich Sport
Ein wichtiger Punkt, den Kiesl betont, ist, dass Bewegung und Training nicht dasselbe sind. Wer nach der Diagnose nicht plötzlich ins Fitnessstudio rennen möchte, muss das auch nicht tun. Und wer vor der Diagnose keinen Spitzensport betrieben hat, muss das auch nachher nicht tun. Vielmehr geht es zunächst darum, den Alltag aktiv zu gestalten. Zu Fuß einkaufen statt mit dem Auto fahren, im Garten arbeiten, spazieren gehen. Das sind die kleinen Dinge, die sich summieren.
Als Orientierung nennt Kiesl etwa 8.000 Schritte täglich. Wichtiger als diese fixe Zahl ist jedoch die Steigerung. „Es wäre schon sehr gut für die Prognose, die tägliche Schrittzahl um 1.000 zu erhöhen, wie man aus Studien weiß“, so Kiesl. Das ist keine große Veränderung, sie macht aber einen großen Unterschied.
Was viele nicht wissen: Die WHO-Empfehlungen für Bewegung gelten nicht nur für gesunde Menschen. Das Ziel für alle Erwachsenen lautet: 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche plus zweimal Krafttraining. „Da wird nicht unterschieden, ob es sich um einen kranken oder einen gesunden Erwachsenen handelt“, erklärt Kiesl. Krebspatient:innen haben demnach dieselben Zielwerte. Wer dieses Niveau vor der Diagnose nicht erreicht hat, sollte versuchen, es langsam aufzubauen. Wer es erreicht hat, sollte es versuchen zu halten oder weiter auszubauen.
Mehrere Studien zeigen deutlich, dass Bewegung und Sport die Krebstherapie verbessern und die körpereigene Immunantwort, etwa auf Tumore optimieren (etwa diese Studie der MedUni Graz).
Wichtig, aber oft vergessen: Krafttraining
In der Praxis kommt Krafttraining häufig zu kurz, beobachtet Kiesl auch bei seinen eigenen Patient:innen.
„Moderates Ausdauertraining wird oft umgesetzt, Krafttraining stellt jedoch für viele eine große Hürde dar.“ Der Grund ist einfach: Wer noch nie mit Gewichten trainiert hat, weiß nicht, wie es geht, scheut den Anfang und hat oft auch keinen richtigen Plan. Ohne Anleitung ist es für viele kaum umsetzbar.
Abhilfe kann hier eine Überweisung zur Physiotherapie schaffen. Dort werden gemeinsam konkrete Übungen erlernt und die Patient:innen angeleitet, was sie selbst zu Hause für den Kraftaufbau, die Sensomotorik und die Koordination tun können. Dafür ist nicht gleich neues Fitnessequipment nötig, bei vielen Übungen reicht das eigene Körpergewicht als Widerstand aus.
Fatigue: Schonen macht es schlimmer
Eine Chemotherapie ist eine enorme Anstrengung für den Körper. Die Folge: Viele fühlen sich erschöpft. Man spricht von einer Chemotherapie assoziierten Fatigue – für viele ein großes Hindernis, um sich regelmäßig zu bewegen. Trotzdem gilt: Wer sich schont, verstärkt die Fatigue langfristig eher, als dass er ihr entkommt. „Wir wissen, dass sich die Fatigue verschlimmert, wenn wir Bewegung und Aktivität weiter reduzieren”, so Kiesl.
Was stattdessen funktioniert, ist, sich bewusst kürzer, aber punktuell intensiver zu belasten. Ein gezielter Trainingsreiz, der nicht überfordert, aber an eine gewisse Schwelle heranführt. Das bedeutet konkret, etwa bei einem Spaziergang auch einmal eine Steigung einzubauen. Wer von Schwindel betroffen ist, kann viele Übungen auch zu Hause und teilweise sogar im Sitzen durchführen, um dennoch aktiv zu bleiben.
Energietagebücher können dabei helfen, Zeiten zu erkennen, in denen man besonders viel Energie hat. In diesen Phasen lassen sich gezielt kleine Trainingsimpulse setzen, die langfristig dazu beitragen können, die Energie zu steigern und die Phasen hoher Leistungsfähigkeit zu verlängern.
Wie man in die Routine kommt
Routinen entstehen nicht von selbst. Das gilt für gesunde Menschen genauso wie für Krebspatient:innen. Kiesls Trick: Das Training als fixen Termin in den Kalender eintragen. „Dann fällt es mir schon schwerer, einen geplanten Termin abzusagen.“
Sehr zu empfehlen ist auch Bewegung in der Gruppe, also Gruppengymnastik, Sportkurse oder gemeinsame Aktivitäten. Die soziale Verpflichtung und die Regelmäßigkeit erhöhen die Wahrscheinlichkeit, wirklich hinzugehen. Ob es sich um Männerturnen, Zumba oder Nordic Walking handelt, spielt dabei keine Rolle.
In vielen Regionen gibt es spezielle onkologische Bewegungsgruppen für Krebspatient:innen. Nähere Informationen dazu erhalten Sie bei der Krebshilfe.
Der häufigste Fehler
Auf die Frage, was aus seiner Erfahrung am meisten falsch läuft, muss Kiesl nicht lange überlegen: das Nichtstun. Nicht Übertraining. Nicht zu viel Ehrgeiz. Sondern es ist die Überzeugung, dass Sport bei Krebs verboten ist, weil man sich, wenn man krank ist, schonen soll. Diese Meinung, war vielleicht vor zwanzig Jahren noch verbreitet, ist heute aber durch die Forschung klar widerlegt.
„Ich habe teilweise Patient:innen und Patienten erlebt, die schon drei Monate unter Therapie waren und sich absolut nicht bewegt haben. Damit verbaut man sich sehr viel."
Es gibt allerdings auch Situationen, in denen Sport tatsächlich warten muss: akute Infekte, Fieber oder eine andere Akutsymptomatik. Kiesl macht jedoch darauf aufmerksam, dass genau diese Situationen meist auch Kontrainidikationen für eine Chemotherapie darstellen. „Solange ich fit für die Chemotherapie bin, bin ich auch fit genug, mich zu bewegen."
OA DDr. David Kiesl ist Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie sowie Sportmediziner. Er ist Leiter des Tumornetzwerks Mostviertel und beschäftigt sich klinisch wie wissenschaftlich intensiv mit der Schnittstelle von Onkologie, Bewegung und körperlicher Leistungsfähigkeit.
Er ist zudem Mitautor der Broschüre „Bewegung und Sport bei Krebserkrankungen“ der Österreichischen Krebshilfe und engagiert sich für eine stärkere Integration evidenzbasierter Bewegungs- und Trainingsempfehlungen in die onkologische Versorgung.
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AT-17490, 08/2026
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