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Psychoonkologischer Leitfaden

Psychoonkolische Unterstützung für Kresbpatient:innen im Überblick

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In diesem Video erklärt Ao.Univ.-Prof. Dr.med.univ. Alexander Gaiger, wie sich Krebs durch frühe Diagnosen und moderne, individuell abgestimmte Therapien zunehmend zu einer chronischen Erkrankung entwickelt hat.

Eine Krebsdiagnose betrifft nie nur den Körper. Sie verändert den Alltag, bringt Unsicherheit mit sich und stellt vieles infrage. Viele Betroffene erleben Phasen von Erschöpfung, Angst oder tiefer Niedergeschlagenheit. Psychische Belastungen sind im Verlauf einer Krebserkrankung häufig und verdienen ebenso Aufmerksamkeit wie die körperlichen Folgen der Erkrankung.1

Traurigkeit oder Depression – wo ist der Unterschied?

Eine Depression ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Sie beeinflusst das Denken, die Gefühle, den Antrieb und auch das körperliche Erleben. Dabei ist die Abgrenzung zur Traurigkeit wichtig und oft gar nicht so einfach.

Traurigkeit gehört zu belastenden Ereignissen, wie etwa einer Krebsdiagnose, dazu. Sie ist eine verständliche und oft vorübergehende Reaktion auf eine außergewöhnliche Situation. Eine Depression hingegen ist anhaltend. Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, als würden sie dauerhaft ein schweres Gewicht mit sich tragen. Selbst in Momenten, die eigentlich leichter sein sollten. Auch wenn es zwischendurch bessere Phasen gibt, bleibt eine Grundbelastung bestehen, die sich nicht wirklich auflöst. Hinzu kommt häufig ein spürbarer Verlust an Energie und Lebensfreude: Dinge, die früher Freude gemacht haben, ergeben plötzlich keinen Sinn mehr.

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Eine Depression ist keine Frage von Schuld oder persönlicher Stärke. Sie entsteht nicht, weil jemand nicht gut genug mit der Situation umgeht. Wer sich in einer solchen Phase schlecht fühlt und sich gleichzeitig dafür verurteilt, dass er es „nicht besser wegsteckt", trägt völlig zu Unrecht eine doppelte Last. Eine Depression ist ein Zeichen von Erschöpfung und Ohnmacht, nicht von Versagen.

Warum Krebs das Risiko für Depressionen erhöht

Menschen, die an Krebs erkrankt sind, haben ein erhöhtes Risiko, depressive Symptome zu entwickeln. Das hängt vor allem mit der Dauer und der Ungewissheit der Erkrankung zusammen, aber auch mit dem Gefühl von Ohnmacht, das eine plötzlich auftretende Krebsdiagnose auslösen kann. Während viele Krankheiten zeitlich begrenzt sind, erstreckt sich eine Krebserkrankung häufig über einen langen Zeitraum – und ihr Verlauf bleibt oft schwer vorhersehbar.

Hinzu kommt, dass mehrere Belastungen gleichzeitig zusammenwirken: Die onkologische Therapie geht häufig mit Müdigkeit, Schmerzen und anderen Nebenwirkungen einher. Veränderungen des eigenen Körpers können das Selbstbild deutlich beeinflussen. Und immer wieder tauchen Fragen auf, auf die es keine schnellen Antworten gibt: Wie geht es weiter? Kommt die Erkrankung zurück? Was bedeutet das für mein Leben?

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Auch soziale und finanzielle Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Nicht alle Betroffenen verfügen über ein stabiles Umfeld oder ausreichende Unterstützung. All dies kann die psychische Resilienz spürbar schwächen.

Wann im Krankheitsverlauf ist die Belastung am größten?

Die psychische Belastung verändert sich im Verlauf der Erkrankung. Es gibt zwar leider keine Phase, in der man sich sicher fühlen kann, aber es zeigen sich typische Schwerpunkte.

Diagnosephase

Zu Beginn steht oft ein Schock. Viele erleben ein starkes Gefühl von Kontrollverlust. Die Gedanken drehen sich oft um die Zukunft, die Familie, die Arbeit oder finanzielle Fragen.

Therapiephase

Während der Behandlung gibt es meist einen klaren Ablauf mit Terminen, Untersuchungen und konkreten nächsten Schritten. Diese Struktur kann stabilisierend wirken, da sie das Gefühl vermittelt, dass etwas getan wird und es einen Plan gibt. Gleichzeitig ist diese Phase körperlich oft sehr anstrengend. Nebenwirkungen, Erschöpfung oder Veränderungen des eigenen Körpers können das Erleben erheblich belasten und das Selbstbild beeinflussen.

Nach der Therapie

Gerade nach Abschluss der intensiven Behandlung zeigt sich häufig eine depressive Entwicklung – was viele überrascht. Die engmaschige medizinische Betreuung fällt weg, Termine werden weniger, und das soziale Umfeld, das zu Beginn oft sehr präsent war, zieht sich mit der Zeit zurück. Was vorher Halt gab, ist plötzlich nicht mehr da. Gleichzeitig entsteht mehr innerer Raum – für Unsicherheit, für aufgeschobene Gefühle, für die Frage, wie es jetzt weitergeht und ob die Erkrankung zurückkehren könnte.

Fortgeschrittene Erkrankung / Palliativphase

In späteren Stadien treten existenzielle Fragen stärker in den Vordergrund, und das Gefühl von Ohnmacht kann sich erneut verstärken. Manche Menschen erleben hier eine ausgeprägte depressive Belastung. Anderen wiederum gelingt es, in dieser Phase eine Form der Annahme zu finden und aus dieser Haltung heraus noch bewusst Dinge zu erleben oder zu gestalten, die ihnen wichtig sind. Wie diese Phase verläuft, ist sehr individuell und hängt von der Persönlichkeit, den Lebensumständen, den persönlichen Ressourcen und der verfügbaren Unterstützung ab.

Woran erkennt man eine Depression?

Die Symptome unterscheiden sich grundsätzlich nicht von anderen Depressionen, aufgrund der körperlichen Erkrankung können sie jedoch schwerer einzuordnen sein.

Typisch sind anhaltende Niedergeschlagenheit und ein Gefühl innerer Leere. Es geht nicht bloß um Traurigkeit, sondern um das Empfinden, dass Dinge keinen Sinn mehr ergeben, egal was man unternimmt. Viele Betroffene berichten von Hoffnungslosigkeit oder dem Eindruck, dass sich die Situation grundsätzlich nicht mehr verbessern wird. Häufig kommt starkes Grübeln hinzu: Die Gedanken drehen sich immer wieder in denselben Bahnen, ohne zu einer Lösung oder einem Ausweg zu führen – ein zermürbendes, repetitives Kreisen, das keine Erleichterung bringt. Aktivitäten werden weniger, Interessen gehen verloren und der Rückzug aus dem sozialen Leben nimmt zu.

Körperlich können Schlafprobleme, Appetitveränderungen oder starke Erschöpfung auftreten. Gerade hier ist die Abgrenzung schwierig, da ähnliche Symptome auch durch die onkologische Therapie selbst entstehen können.

Suchen Sie ein Gespräch

Ein sensibles Thema sind Gedanken an den Tod. Im Zusammenhang mit Krebs sind solche Gedanken nicht ungewöhnlich. Werden sie jedoch sehr belastend oder verstärken sie sich, sollte das ernst genommen und das Gespräch mit dem Behandlungsteam gesucht werden.

Wenn das Umfeld entlastet und manchmal auch belastet

Ein stabiles soziales Netzwerk kann viel auffangen. Unterstützung zeigt sich oft in kleinen Dingen: Beispielsweise in Form von Hilfe im Alltag, Gesprächen oder dem Gefühl, nicht allein zu sein.

Gleichzeitig versuchen viele Betroffene, ihre Angehörigen zu schonen. Sie sprechen weniger über ihre eigenen Sorgen, um niemanden zusätzlich zu belasten, und ziehen sich dabei selbst immer mehr zurück. Hier kann psychoonkologische Unterstützung helfen. Die Therapie schafft einen Raum, in dem alles ausgesprochen werden darf, ohne Rücksicht nehmen zu müssen.

Was bei Depression helfen kann

Die Frage, was man konkret tun kann, ist verständlich. Hier ist jedoch ein wichtiger Gedanke voranzustellen: Eine Depression sollte nicht als weitere Aufgabe verstanden werden, die es zu bewältigen gilt. Wer ohnehin schon mit einer Krebserkrankung konfrontiert ist, braucht keinen zusätzlichen Druck. Der erste und oft wirksamste Schritt ist nicht Aktivität, sondern Anerkennung: die eigene Situation als das einzuordnen, was sie ist: eine außergewöhnliche Belastung, auf die die eigene Reaktion vollkommen verständlich ist.

Was darüber hinaus helfen kann, sind Struktur und ein gewisser Plan: feste Termine, kleine Routinen und vertraute Gewohnheiten, die im Alltag Orientierung geben und ein Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit zurückbringen. Gespräche spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, sei es mit Angehörigen, mit anderen Betroffenen oder im Rahmen einer psychoonkologischen Begleitung. Bewegung, angepasst an die eigenen Möglichkeiten, kann stabilisierend wirken: ein Spaziergang, leichte körperliche Aktivität oder etwas anderes Individuelles, das sich gut anfühlt.

Glühbirne

Gut zu wissen

In manchen Fällen kann auch eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva sinnvoll sein, stets in Abstimmung mit dem Behandlungsteam. Wichtig ist es eine solche Behandlung als Unterstützung und nicht als Zeichen von Schwäche zu sehen.

Psychische Belastung bei Krebs ist keine Ausnahme

Schätzungen zufolge entwickeln zumindest zeitweise etwa jede zweite bis dritte von Krebs betroffene Person depressive Symptome. Eine klinisch diagnostizierte Depression tritt seltener auf. Dennoch zeigt sich: Psychische Belastung ist im Zusammenhang mit Krebs keine Ausnahme, sondern häufig die Regel.

Die emotionale Situation gehört genauso zur Erkrankung wie die körperliche. Es geht nicht darum, alles richtig zu machen oder sich zusätzlich unter Druck zu setzen, sondern darum, die eigenen Reaktionen ernst zu nehmen und sich bei Bedarf Unterstützung zu holen.

Auch wenn sich viele Phasen sehr isolierend anfühlen können: Man muss damit nicht allein bleiben.

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Verwendete Quellen:

  1. Theodor Haberhauer (Psychotherapeut)

AT-17136, 07/2026

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