Eine Krebsdiagnose erschüttert nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche.1 Elisabeth Strasser-Müller, Coach und Achtsamkeitslehrerin, erklärt, wann Angst und Niedergeschlagenheit ein Zeichen sind, dass man sich Unterstützung holen sollte – und welche einfachen Techniken dabei helfen, wieder Boden unter den Füßen zu spüren.
Mentale Gesundheit
Wenn die Seele miterkrankt – Wie Krebspatient:innen innere Stabilität finden können
Krebsbegleiter Redaktion, 1. Juli 2026
Inhaltsverzeichnis
Wann ist Angst noch „normal" – und wann brauche ich Hilfe?
Als Coach und Achtsamkeitslehrerin schaue ich da eigentlich immer auf zwei Ebenen: die mentale Dynamik, also was im Kopf passiert, und die körperliche Stressregulation.
Auf der mentalen Ebene ist eine gewisse Sorge völlig verständlich. Schwierig wird es aber, wenn die Gedanken fast nur noch destruktiv kreisen und man aus eigener Kraft gar keinen Ausstieg mehr aus dieser Negativspirale findet. Wenn der Fokus auf das Nährende im Leben komplett verloren geht und man den Alltag nur noch mühsam bewältigt, ist das ein deutliches Zeichen, dass man Hilfe braucht. Dann braucht die Psyche neue Impulse oder Perspektiven von außen.
Zusätzlich gibt es die körperliche Ebene, denn Angst ist nicht nur ein Gefühl, sondern ein physiologischer, das heißt körperlicher, Zustand. Wenn das Nervensystem durch einen dauerhaft hohen Cortisolspiegel im „Überlebensmodus" feststeckt, merkt man das oft daran, dass der Körper gar nicht mehr in die Entspannung findet. Der Schlaf ist gestört oder man spürt eine ständige innere Unruhe.
Und das muss nicht immer eine klassische Gesprächstherapie sein. Oft ist der Weg über den Körper oder die Stille viel hilfreicher. Ob das in einer 1:1-Begleitung passiert oder ganz flexibel über Online-Angebote, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass es hilft, wieder zur Ruhe zu kommen.
Den Boden unter den Füßen wiederfinden: Kontrolle in unkontrollierbaren Zeiten
Viele Patient:innen fühlen sich während einer Krebsbehandlung emotional ausgeliefert. Der erste Schritt zur Stabilität ist nicht ganz intuitiv: Wir gewinnen Kontrolle oft erst dann zurück, wenn wir anerkennen, was wir eigentlich nicht kontrollieren können. In der Achtsamkeit geht es genau um diese Unterscheidung.
Ganz wichtig ist: Gedanken sind keine Fakten. Wir neigen dazu, alles, was wir denken, sofort für die absolute Wahrheit zu halten. Aber Gedanken sind erst einmal nur mentale Ereignisse. Wenn wir lernen, eine beobachtende Rolle einzunehmen, entsteht ein wertvoller Abstand zu den Sorgen.
Tipps:
Wenn die Emotionen uns dann doch einmal zu überrollen drohen, hilft eine einfache, aber hochwirksame Methode: die Erdung über die Füße. Fragen Sie sich in Momenten der Instabilität: „Wo sind meine Füße gerade und wie fühlen sie sich an?" Spüren Sie den Boden unter Ihren Füßen. Diese kurze Rückkehr in die physische Realität unterbricht die mentale Abwärtsspirale und signalisiert dem Nervensystem: Ich stehe fest auf der Erde.
Sofort-Hilfe und Alltagsrituale: Was wirklich wirkt
Hier lässt sich zwischen informeller und formeller Praxis unterscheiden. Die informelle Praxis ist für Akut-Situationen gedacht, in denen schon wenige Minuten der Regulation einen Unterschied machen.
In akuten Momenten: Atemtechniken, wie die Bauchatmung, helfen rasch. Lenken Sie für etwa 5 Minuten die Aufmerksamkeit gezielt in den oberen Bauch und atmen Sie bewusst ein und aus. Wichtig: Das Ausatmen sollte länger sein als das Einatmen – zum Beispiel auf 4 ein, auf 6 aus. Das beruhigt das Nervensystem spürbar.
Als feste Alltagsrituale: Meditation, längere Atemübungen, intuitives Schreiben, Yoga oder achtsames Spazierengehen schaffen langfristig mentale Stärke und Resilienz. Entscheidend ist dabei nicht die Länge, sondern die Regelmäßigkeit. Wer einen neuen Ritual an ein bestehendes knüpft – etwa direkt nach dem Frühstück – tut sich leichter damit, es beizubehalten.
Der innere Kritiker: Wie man negative Gedankenmuster verändert
Wir kennen ihn wahrscheinlich alle: diesen inneren „Gremlin", der in schwierigen Zeiten besonders laut wird. Oft stecken dahinter alte Glaubenssätze aus der Kindheit, die gerade in intensiven Stresssituationen wieder auftauchen und sofort körperliche Stressreaktionen auslösen.
Ein bewährter Drei-Schritte-Weg hilft dabei, dieses Muster zu durchbrechen:
Erkennen: Bemerken, dass der Gremlin gerade das Steuer übernommen hat und damit den Autopiloten ausschalten.
Neugier statt Bestrafung: Nicht mit sich selbst schimpfen, sondern eine forschende Haltung einnehmen: „Ah, interessant, dass dieser Gedanke jetzt wieder da ist." Diese Leichtigkeit nimmt der Angst die Wucht.
Vom „Gegen" zum „Für": Dysfunktionale Gedanken durch hilfreiche Sätze ersetzen – nicht um sich die Welt schönzureden, sondern um einen Umgang zu finden, der unterstützt statt blockiert.
An schweren Tagen: Wenn gar nichts zu helfen scheint
Schwere Tage gibt es leider. Das Wichtigste ist dann, sich nicht auch noch mit dem Druck zu belasten, den Zustand sofort verändern oder „verbessern" zu müssen.
„Manchmal liegt eine unglaubliche Stärke darin, einfach anzuerkennen: ‚Ja, dieser Tag ist heute gerade einfach schwer.'"
Wenn man den Druck erst einmal rausgenommen hat, kann man sich eine ganz vorsichtige Frage stellen: „Welche eine kleine Sache würde mir jetzt gerade guttun?" Und dabei darf die Sache wirklich noch so winzig sein – eine warme Tasse Tee, ein kurzer Blick aus dem Fenster, eine Decke um die Schultern. Es bleibt zumindest das Gefühl: Ich habe heute etwas Gutes für mich getan.
Drei Übungen, die fast jedem guttun
Stille finden: Es muss nicht direkt die 20-minütige Meditation sein. Manchmal reicht eine kleine Atemübung oder eine bestärkende Affirmation – dem Kopf einen Moment Pause vom Lärm zu gönnen.
Bewegung an der frischen Luft: Achtsames Spazierengehen, am besten im Wald, in einem Park oder irgendwo im Grünen. Die Natur hat eine ganz eigene Kraft, das Nervensystem zu beruhigen.
Intention & Dankbarkeit: Morgens nach dem Aufstehen eine kleine Intention setzen – zum Beispiel: „Ich erlaube mir heute Pausen." Und abends kurz innehalten: Wofür war ich heute dankbar? Selbst an schweren Tagen findet sich meist eine Kleinigkeit. Das hilft dem Gehirn, den Fokus wieder auf das zu lenken, was uns nährt
War dieser Artikel für Sie hilfreich?
Danke für Ihr Feedback!
Verwendete Quellen:
Elisabeth Strasser-Müller, MSc. (Mental Trainerin & Coach)
AT-17137, 07/2026
informieren sie sich über
Weitere Krebsarten
Erfahren Sie mehr über die häufigsten Krebsarten in Österreich und wie diese erkannt und behandelt werden.